Wenn sich eine Schwangerschaft nicht einstellt, denken viele zuerst an die Frau. Dabei liegt die Ursache in etwa der Hälfte aller Fälle allein oder mitverantwortlich beim Mann. Das Spermiogramm ist deshalb einer der ersten und wichtigsten diagnostischen Schritte auf dem Weg zur Kinderwunschbehandlung.
Wie läuft die Untersuchung ab?
Die Samenprobe wird meist durch Masturbation gewonnen, nach einer sexuellen Karenz von ein bis drei Tagen. Im Labor wird die Probe zunächst bei Körpertemperatur gelagert, bis sie sich verflüssigt hat. Anschließend werden verschiedene Parameter unter dem Mikroskop und im Labor gemessen und mit den international anerkannten WHO-Referenzwerten verglichen.
So gehen wir bei BestFertility vor
Bei uns kommt für die Analyse das LensHooke-System zum Einsatz – ein modernes, KI-gestütztes CASA-Gerät (Computer Assisted Sperm Analysis), das Konzentration, Motilität und Morphologie automatisiert und objektiv auswertet. Der Vorteil: Die Ergebnisse sind standardisiert und unabhängig vom subjektiven Eindruck einzelner Untersucher.
Zusätzlich prüfen wir jede Probe ergänzend unter dem klassischen Mikroskop von Hand. Diese Kombination aus automatisierter und manueller Analyse ermöglicht uns eine besonders präzise und verlässliche Einordnung Ihres Befundes – die Stärken beider Verfahren ergänzen sich, mögliche Auffälligkeiten werden doppelt abgesichert.
Die wichtigsten Werte im Überblick
Aktuell gelten die WHO-Normwerte der 6. Auflage aus dem Jahr 2021 – nach wie vor die aktuellste Version des WHO-Laborhandbuchs. Die unteren Referenzgrenzen, die die meisten Patienten in ihrem Befund sehen, sind:
- Volumen: mindestens 1,4 ml
- Spermienkonzentration: mindestens 16 Millionen pro ml
- Gesamtzahl: mindestens 39 Millionen Spermien pro Ejakulat
- Gesamtmotilität (Beweglichkeit): mindestens 42 %
- Progressive Motilität (Spermien, die sich zielgerichtet vorwärtsbewegen): mindestens 30 %
- Morphologie (normal geformte Spermien): mindestens 4 %
Was bedeuten auffällige Befunde? Die wichtigsten Diagnosen erklärt
Liegt einer der Werte unter der Referenzgrenze, vergibt das Labor dafür einen Fachbegriff. Diese Begriffe klingen oft beunruhigender, als sie gemeint sind – sie beschreiben lediglich, welcher Parameter betroffen ist, nicht, dass eine Schwangerschaft unmöglich ist:
- Oligozoospermie – die Spermienkonzentration liegt unter dem Referenzwert (weniger als 16 Mio. Spermien pro ml). Es sind also weniger Spermien vorhanden als im Durchschnitt, aber nicht zwangsläufig zu wenige für eine Befruchtung.
- Asthenozoospermie – die Beweglichkeit der Spermien ist eingeschränkt (weniger als 30 % bewegen sich progressiv, also zielgerichtet vorwärts). Die Spermien sind zwar vorhanden, kommen aber schwerer zur Eizelle.
- Teratozoospermie – der Anteil normal geformter Spermien liegt unter 4 %. Formveränderungen können die Beweglichkeit oder die Fähigkeit zur Befruchtung beeinträchtigen, schließen eine natürliche Empfängnis aber nicht automatisch aus.
- Azoospermie – im Ejakulat sind mikroskopisch keine Spermien nachweisbar. Das ist der einzige Befund, der immer eine sorgfältige, weiterführende Abklärung erfordert, da die Ursachen sehr unterschiedlich sein können (z. B. eine Produktionsstörung oder ein Transportproblem) und dementsprechend unterschiedliche Behandlungswege nach sich ziehen.
- Normozoospermie – zur Einordnung: So wird ein unauffälliger Befund bezeichnet, bei dem alle gemessenen Werte innerhalb der Referenzbereiche liegen.
Häufig sind mehrere dieser Werte gleichzeitig leicht verändert, ohne dass ein einzelner davon stark auffällig ist – auch das ist noch kein Grund zur Sorge, sondern schlicht Teil des normalen Befundspektrums.
Was diese Grenzwerte wirklich bedeuten
Ein Punkt wird in der Praxis oft missverstanden: Die WHO-Grenzwerte sind keine feste Trennlinie zwischen “fruchtbar” und “unfruchtbar”. Sie basieren auf einer statistischen Auswertung: Man hat tausende Männer untersucht, die innerhalb eines Jahres auf natürlichem Weg Vater wurden, und den Wert ermittelt, den 95 % von ihnen überschritten haben. Das bedeutet im Umkehrschluss auch: Ein gewisser Prozentsatz der Männer wurde Vater, obwohl einzelne Werte unter dieser Grenze lagen.
Auch die Fachliteratur betont: Die Referenzwerte erlauben keine strikte Unterscheidung zwischen „fertil” und „infertil”. Empfohlen wird stattdessen, sie als Orientierungspunkte zu verstehen, die immer im Zusammenspiel mit der individuellen klinischen Situation interpretiert werden sollten.
Ein Spermiogramm ist eine Orientierung – kein Urteil.
Warum ein einzelner auffälliger Wert nicht in Panik versetzen sollte
Die Spermienbildung dauert rund 70 bis 90 Tage. Das bedeutet: Ihr aktueller Befund spiegelt nicht den heutigen Tag wider, sondern die Bedingungen der letzten zwei bis drei Monate. Fieber, eine Infektion, starker Stress, bestimmte Medikamente oder auch nur ein ungünstiger Zeitpunkt der Probenentnahme können das Ergebnis erheblich beeinflussen. Auch überstandene Virusinfekte können die Werte vorübergehend verschlechtern.
Deshalb gilt: Ein einzelnes auffälliges Spermiogramm ist noch keine Diagnose. Bei abweichenden Werten wird in der Regel eine Wiederholungsuntersuchung nach etwa zwei bis drei Monaten empfohlen, bevor größere Entscheidungen getroffen werden.
Was Sie selbst beeinflussen können
Nicht alle Faktoren liegen in unserer Hand, aber einige durchaus:
- Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum reduzieren
- Auf ausreichend Schlaf achten
- Ein gesundes Körpergewicht anstreben
- Anhaltende Hitzeeinwirkung vermeiden (z. B. Sauna, Laptop auf dem Schoß, beheizte Autositze)
Ein realistischer Plan, den man über mehrere Wochen konsequent durchhält, ist dabei sinnvoller als kurzfristiger Aktionismus.
Unser Fazit
Ein Spermiogramm ist ein wichtiges diagnostisches Werkzeug – aber immer nur eine Momentaufnahme, kein Schicksal. Auffällige Werte bedeuten nicht automatisch, dass eine natürliche Schwangerschaft ausgeschlossen ist, sondern liefern uns wichtige Hinweise für die weitere Abklärung und Behandlungsplanung.
Sie haben Fragen zu Ihrem eigenen Befund? Unser Team nimmt sich gerne Zeit, Ihre Werte im persönlichen Gespräch verständlich einzuordnen.

