Männer denken in Schachteln, Frauen in Netzwerken – und Männer besitzen sogar eine Box, in der sich überhaupt nichts befindet. Ein berühmter Bühnenwitz bringt Paare seit Jahren zum Lachen. Aber was davon stimmt eigentlich?
Vielleicht kennen Sie das Video.
Der amerikanische Redner Mark Gungor steht auf einer Bühne und erklärt den Unterschied zwischen Männern und Frauen. Das männliche Gehirn, sagt er, bestehe aus vielen kleinen Schachteln: eine für die Arbeit, eine fürs Auto, eine für die Familie, eine für Probleme. Immer wird nur eine geöffnet. Und ganz wichtig: Die Schachteln dürfen sich möglichst nicht berühren.
Das weibliche Gehirn dagegen? Ein riesiges Netzwerk. Alles ist mit allem verbunden. Ein Gespräch mit der Schwiegermutter hängt irgendwie mit dem Urlaub zusammen, der Urlaub mit dem Kontostand und der Kontostand mit jenem Satz, den der Partner vor fünf Jahren beim Frühstück gesagt hat.
Und dann kommt Gungors berühmteste Erfindung: die „Nothing Box“.
Männer, behauptet er, hätten eine besondere Schachtel, in der sich – nichts befindet. Sie könnten dort sitzen, vor sich hin schauen und tatsächlich an nichts denken.
Für viele Frauen sei bereits die Vorstellung vollkommen rätselhaft.
Der Witz funktioniert deshalb so gut, weil viele Paare etwas darin wiedererkennen. Nur folgt daraus noch nicht, dass die Erklärung stimmt.
Gibt es wirklich ein männliches und ein weibliches Gehirn?
Die kurze Antwort lautet: Ja und nein.
Natürlich gibt es biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Hormone unterscheiden sich, bestimmte Hirnstrukturen zeigen im Durchschnitt Unterschiede, und auch bei manchen kognitiven Fähigkeiten oder Verhaltensweisen lassen sich statistische Differenzen finden.
Aber „im Durchschnitt unterschiedlich“ bedeutet etwas anderes als „zwei verschiedene Arten von Gehirnen“.
Ein einfaches Beispiel ist die Körpergröße. Männer sind im Durchschnitt größer als Frauen. Trotzdem können Sie vor einem 1,78 Meter großen Menschen nicht zuverlässig sagen, ob dort ein Mann oder eine Frau steht.
Die Verteilungen überschneiden sich.
Beim Gehirn ist diese Überschneidung noch wichtiger. Untersuchungen der Neurowissenschaftlerin Daphna Joel und anderer Forschungsgruppen sprechen dafür, dass sich menschliche Gehirne nicht sauber in zwei Kategorien sortieren lassen. Ein einzelnes Gehirn besitzt vielmehr eine individuelle Mischung von Merkmalen, von denen manche statistisch häufiger bei Männern, andere häufiger bei Frauen vorkommen.
Das Bild von zwei grundsätzlich verschieden konstruierten Gehirnen – hier das Schachtelregal, dort das Kabelnetz – ist deshalb wissenschaftlich zu einfach.
Warum erscheinen uns die Unterschiede trotzdem so deutlich?
Hier wird es eigentlich erst interessant.
Denn unser Gehirn ist kein fertiges Gerät, das bei der Geburt verkabelt und anschließend nur noch benutzt wird. Es verändert sich durch das, was wir tun.
Wer jahrelang ein Instrument spielt, verändert dabei messbar sein Gehirn. Dasselbe gilt für intensives Lernen, räumliche Orientierung, Sport und viele andere Tätigkeiten.
Das Gehirn ist plastisch.
Deshalb steckt in der Frage nach „männlichen“ und „weiblichen“ Gehirnen ein kleines Henne-Ei-Problem:
Verhalten wir uns unterschiedlich, weil unsere Gehirne unterschiedlich sind? Oder werden unsere Gehirne auch unterschiedlich, weil wir über Jahre unterschiedliche Dinge tun, lernen und verantworten?
Sehr wahrscheinlich spielt beides eine Rolle.
Und genau an dieser Stelle wird aus einer unterhaltsamen Geschlechtergeschichte eine interessante Frage für Beziehungen.
Wer hat eigentlich die Liste im Kopf?
Nehmen wir ein klassisches Beispiel.
Wer weiß, wann der nächste Zahnarzttermin der Kinder ist? Wer bemerkt, dass kein Waschmittel mehr da ist? Wer denkt an den Geburtstag der Schwiegermutter? Wer weiß, dass für Montag noch Sportsachen gewaschen werden müssen – und dass gleichzeitig ein Geschenk für den Kindergeburtstag am Dienstag fehlt?
Diese Art von Arbeit wird heute häufig als Mental Load bezeichnet.
Das Entscheidende daran: Man muss eine Aufgabe nicht gerade erledigen, um mit ihr beschäftigt zu sein. Es reicht, dafür verantwortlich zu sein, dass sie nicht vergessen wird.
Und Verantwortung bindet Aufmerksamkeit.
Wer ständig zehn offene Punkte im Hinterkopf verwaltet, kann schlechter abschalten als jemand, der darauf vertrauen kann, dass ein anderer diese Punkte im Blick behält.
Damit bekommt Gungors Nichts-Box plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Die Nichts-Box gibt es tatsächlich – nur nicht ausschließlich bei Männern
Auch das Gehirn kennt Zustände, in denen wir keiner konkreten äußeren Aufgabe folgen. Dabei wird unter anderem ein Netzwerk aktiv, das als Default Mode Network bezeichnet wird.
Wir schweifen ab. Gedanken wandern. Erinnerungen tauchen auf. Ideen verbinden sich miteinander. Manchmal entsteht genau dann die Lösung für ein Problem, über das wir vorher vergeblich nachgedacht haben.
Dieses geistige Leerlaufen ist also keineswegs nutzlos.
Und vor allem: Frauen besitzen diese Fähigkeit genauso wie Männer.
Die spannendere Frage lautet daher nicht:
Wer hat eine Nichts-Box?
Sondern:
Wer bekommt im Alltag Gelegenheit, sie zu benutzen?
Ein Mann, der allein lebt, muss schließlich ebenfalls daran denken, ob noch Milch im Kühlschrank ist. Ein Vater, der allein für seine Kinder verantwortlich ist, entwickelt erstaunlich schnell ein Gedächtnis für Elternabende, Impftermine und Turnbeutel. Und eine Frau, die weiß, dass jemand anderes zuverlässig die Verantwortung übernimmt, kann durchaus auf dem Sofa sitzen und eine halbe Stunde lang aus dem Fenster schauen.
Nicht das Geschlecht allein entscheidet darüber, was gerade im Kopf herumschwirrt. Auch Zuständigkeit entscheidet.
Was können Paare daraus mitnehmen?
Vielleicht ist das die nützlichste Erkenntnis hinter dem ganzen Witz.
Wenn Ihr Partner anders denkt, organisiert oder abschaltet als Sie, muss die Erklärung nicht lauten: „Männer sind eben so“ oder „Frauen können eben nicht anders“.
Manchmal stimmt schlicht die Aufgabenverteilung nicht mit der wahrgenommenen Verantwortung überein.
Dabei hilft es wenig, nur einzelne Tätigkeiten abzugeben. „Sag mir einfach, was ich machen soll“ entlastet zwar die Hände, aber nicht unbedingt den Kopf. Denn dann bleibt eine Person weiterhin dafür verantwortlich, zu bemerken, was gemacht werden muss.
Echte Entlastung entsteht erst, wenn auch Verantwortung wechselt.
Nicht: „Sag mir, wann wir wieder Waschmittel brauchen.“
Sondern: „Um Waschmittel kümmere ich mich.“
Nicht: „Erinnere mich an den Elternabend.“
Sondern: „Schule und Elternabende habe ich im Blick.“
Das klingt nach einem kleinen sprachlichen Unterschied. Für das Gehirn ist es ein großer.
Und was bleibt vom Männerhirn und Frauenhirn?
Mehr, als man nach all dem vielleicht vermuten würde.
Biologie spielt eine Rolle. Hormone spielen eine Rolle. Entwicklung und Erfahrungen spielen eine Rolle. Erziehung, Erwartungen, Arbeitsteilung und Lebensumstände ebenfalls.
Was die moderne Hirnforschung uns aber gerade nicht liefert, ist eine einfache Gebrauchsanweisung nach dem Muster:
Mann = Schachteln. Frau = Kabel.
Menschen sind komplizierter – glücklicherweise.
Vielleicht sollten wir Gungors berühmten Witz deshalb nicht widerlegen, sondern einfach um eine letzte Pointe ergänzen:
Die Nichts-Box ist vermutlich kein besonderer Bereich des männlichen Gehirns. Sie ist freie mentale Kapazität.
Und freie mentale Kapazität entsteht dort, wo man für einen Moment sicher sein kann, dass nicht gleichzeitig sieben andere Dinge vergessen werden.
Das Schöne daran: Dafür braucht niemand ein anderes Gehirn.
Man muss nur gelegentlich die Liste abgeben können.
Und manchmal vielleicht auch die Nichts-Box.
P.S.: Den Clip dürfen Sie natürlich trotzdem anschauen. Er ist wirklich komisch. Nur sollten Sie beim nächsten „Siehst du, Männer sind eben so!“ vielleicht noch eine zweite Frage stellen: Wer denkt eigentlich gerade daran, dass morgen die Müllabfuhr kommt?
