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Wenn der Körper hormonisch spricht – eine Buchbesprechung mit ärztlichem Blick

Liebe Patientinnen, liebe Leserinnen und Leser,

Hormone haben derzeit Hochkonjunktur. Kaum ein Tag vergeht, an dem uns nicht erklärt wird, Cortisol sei zu hoch, Progesteron zu niedrig, der Stoffwechsel „aus dem Gleichgewicht“ oder unsere Hormone müssten dringend „in Balance“ gebracht werden.

Das ist einerseits erfreulich. Denn lange genug wurden gerade Beschwerden von Frauen mit einem Schulterzucken quittiert: PMS? Gehört eben dazu. Schlafstörungen? Stress. Gewichtszunahme? Weniger essen. Stimmungsschwankungen? Psychisch. Wechseljahre? Da müssen Sie durch.

Dass wir heute genauer hinschauen, ist ein Fortschritt.

Andererseits hat jede medizinische Mode ihre Tücken. Wer plötzlich überall Hormone sieht, läuft Gefahr, irgendwann auch dort welche verantwortlich zu machen, wo die Ursache ganz woanders liegt.

Genau zwischen diesen beiden Polen bewegt sich das Buch „Dein Körper spricht hormonisch“ von Dr. med. Konstantin Wagner.

Wagner ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, niedergelassener Frauenarzt in Kassel und durch seine Social-Media-Aufklärung unter @gynaeko.logisch einem großen Publikum bekannt. Sein Buch beschäftigt sich mit Zyklus, PMS, PCOS, Stress, Stoffwechsel, Gewicht, Schlaf und Wechseljahren – also mit Themen, die in unseren Sprechstunden täglich eine Rolle spielen.

Und vorweg: Das Buch ist lesenswert. Gerade weil man nicht jeden Satz als letztes Wort der Wissenschaft verstehen muss.

Endlich werden Beschwerden ernst genommen

Eine große Stärke des Buches ist seine Haltung gegenüber Frauen und ihren Beschwerden. Wagner hört zu – zumindest merkt man seinem Schreiben an, dass er es tut.

Das ist wichtiger, als es klingt.

Denn viele Frauen haben über Jahre erlebt, dass Beschwerden zwar real vorhanden waren, medizinisch aber erstaunlich wenig Beachtung fanden. Gerade die Wechseljahre sind dafür ein gutes Beispiel.

Noch immer werden sie gerne auf Hitzewallungen reduziert. Tatsächlich kann die hormonelle Umstellung sehr viel mehr betreffen: Schlaf, Stimmung, Konzentration, Sexualität, Schleimhäute, Muskulatur, Knochen und Stoffwechsel.

Hormone wirken schließlich nicht nur dort, wo wir Gynäkologen besonders gerne hinschauen.

Östrogene, Progesteron, Androgene, Insulin, Schilddrüsenhormone und Stresshormone sind Teil eines komplexen biologischen Netzwerkes. Wer verstehen möchte, warum sich eine Frau in bestimmten Lebensphasen plötzlich anders fühlt, muss deshalb häufig über Eierstöcke und Gebärmutter hinausdenken.

Diesen Blick vermittelt Wagner sehr anschaulich.

Hormone sind weder Teufelszeug noch Zaubertrank

Besonders sinnvoll finde ich die differenzierte Beschäftigung mit der Hormontherapie in den Wechseljahren.

Kaum ein medizinisches Thema hat in den vergangenen Jahrzehnten derartige Pendelbewegungen erlebt. Erst wurden Hormone beinahe großzügig verteilt, dann nahezu verteufelt – und inzwischen versuchen wir glücklicherweise wieder, genauer hinzusehen.

Eine menopausale Hormontherapie kann bei geeigneter Indikation ausgesprochen wirksam sein. Sie ist aber weder für jede Frau richtig noch grundsätzlich gefährlich.

Entscheidend sind Alter, Beschwerden, Zeitpunkt, individuelle Risiken, Präparat, Dosis und Dauer.

Die interessante Frage lautet also nicht:

„Sind Hormone gut oder schlecht?“

Sondern:

„Ist diese Hormontherapie für diese Frau in dieser Situation sinnvoll?“

Das ist ein kleiner sprachlicher Unterschied – medizinisch aber ein gewaltiger.

Auch PCOS ist mehr als ein Eierstockproblem

Ähnliches gilt für das polyzystische Ovarialsyndrom, PCOS.

PCOS betrifft nicht nur Zyklus und Eisprung. Stoffwechsel, Insulinresistenz, Gewicht und langfristige gesundheitliche Risiken können ebenso dazugehören.

Deshalb ist es richtig, Ernährung, Bewegung, Schlaf und Stress nicht als freundliche Zugabe zur eigentlichen Medizin abzutun. Sie können ein wichtiger Bestandteil der Behandlung sein.

Nur dürfen wir daraus keine neue Schuldzuweisung machen.

Aus dem richtigen Gedanken, dass Lebensstil Gesundheit beeinflusst, darf nicht die Botschaft werden: Wenn Ihre Hormone nicht funktionieren, haben Sie eben falsch gegessen, zu wenig Sport gemacht oder nicht ausreichend entspannt.

Der menschliche Körper ist komplizierter.

Zum Glück. Sonst wären wir Ärzte vermutlich längst durch eine App ersetzt worden.

Wo man das Buch mit etwas Abstand lesen sollte

So sympathisch mir der Grundgedanke des Buches ist, an einigen Stellen würde ich meinen Patientinnen dennoch einen kleinen wissenschaftlichen Sicherheitsabstand empfehlen.

Denn wer die Welt durch eine hormonelle Brille betrachtet, entdeckt verständlicherweise sehr viele hormonelle Zusammenhänge.

Das bedeutet aber noch nicht, dass Hormone für jedes Symptom die entscheidende Ursache sind.

Müdigkeit kann hormonell bedingt sein – aber ebenso durch Eisenmangel, Schlafmangel oder andere Erkrankungen.

Schlafstörungen können in den Wechseljahren auftreten – aber nicht jede Schlafstörung ist ein Wechseljahresproblem.

Gewichtsveränderungen können hormonell beeinflusst sein – trotzdem lassen sie sich selten auf einen einzigen Laborwert reduzieren.

Eine gute Erklärung ersetzt deshalb niemals eine gute Diagnostik.

Dieser Satz ist mir wichtig.

Der Mensch ist kein Laborzettel

Etwas vorsichtig werde ich auch immer dann, wenn in der populären Hormonmedizin sehr genaue „optimale“ Hormonwerte oder Zielbereiche genannt werden.

Zahlen haben etwas Beruhigendes. Sie vermitteln den Eindruck, der Körper lasse sich vermessen, korrigieren und anschließend wieder ordentlich einstellen.

Leider funktioniert er nicht ganz so.

Hormone verändern sich mit Zyklusphase, Tageszeit, Alter, Medikamenten, Stoffwechsel und vielen weiteren Faktoren. Ein Laborwert ohne Kenntnis des klinischen Zusammenhangs ist deshalb manchmal nicht viel mehr als eine Zahl.

Oder anders gesagt:

Wir sollten Patientinnen behandeln – nicht Laborzettel.

Spannend heißt noch nicht bewiesen

Das gilt auch für Mikrobiom, Umweltfaktoren, Nahrungsergänzung und sogenannte Detox-Konzepte.

Gerade das Mikrobiom ist ein faszinierendes Forschungsgebiet, auch in der Reproduktionsmedizin. Umweltfaktoren können hormonelle Systeme beeinflussen, und ein nachgewiesener Mangel an bestimmten Mikronährstoffen sollte selbstverständlich behandelt werden.

Aber Wissenschaft braucht eine wichtige Unterscheidung:

Was ist plausibel? Was ist wahrscheinlich? Und was ist tatsächlich klinisch bewiesen?

Zwischen diesen drei Fragen liegen manchmal Jahre Forschung.

Bei „Entgiftung“ lohnt sich besondere Vorsicht. Unser Körper besitzt mit Leber, Nieren, Darm und Lunge bereits ziemlich beeindruckende Entgiftungssysteme. Wer darüber hinaus eine Detox-Therapie empfiehlt, sollte deshalb erklären können, welcher Stoff eigentlich entfernt werden soll, wie dieser nachgewiesen wurde und welchen belegten gesundheitlichen Nutzen die Behandlung hat.

Das klingt weniger spektakulär als „Detox“.

Ist aber meistens die bessere Medizin.

Warum ich das Buch trotzdem gerne empfehle

Weil es etwas schafft, was ein gutes medizinisches Sachbuch schaffen sollte:

Es macht neugierig auf den eigenen Körper.

Es hilft Frauen, Symptome einzuordnen, Zusammenhänge zu verstehen und vielleicht beim nächsten Arztbesuch eine Frage mehr zu stellen.

Und eine gut informierte Patientin ist für einen guten Arzt keine Bedrohung.

Im Gegenteil.

Sie ist eine hervorragende Gesprächspartnerin.

Deshalb würde ich „Dein Körper spricht hormonisch“ durchaus empfehlen – allerdings nicht als Diagnosebuch und schon gar nicht als persönlichen Therapieplan.

Lesen Sie es als Einladung, Ihren Körper besser kennenzulernen. Markieren Sie Stellen, die Ihnen bekannt vorkommen. Schreiben Sie Fragen auf. Und besprechen Sie Beschwerden, die Sie beschäftigen, mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Denn zwischen „Das könnte hormonell sein“ und „Wir wissen, was Ihnen fehlt“ liegt die eigentliche Medizin.

Mein Fazit

Dr. Konstantin Wagner hat mit „Dein Körper spricht hormonisch“ einen verständlichen, empathischen und angenehm zugänglichen Ratgeber geschrieben. Besonders wertvoll finde ich seine Botschaft, Beschwerden von Frauen ernst zu nehmen und sie nicht vorschnell als normal, altersbedingt oder psychisch abzutun.

Genauso wichtig ist allerdings die andere Seite:

Nicht jedes Symptom ist hormonell. Nicht jeder auffällige Laborwert ist behandlungsbedürftig. Nicht jede plausible Theorie ist bereits bewiesen. Und nicht alles, was wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt ist, ist deshalb automatisch Unsinn.

Gute Medizin braucht beides: Neugier und Skepsis.

Vielleicht spricht unser Körper tatsächlich hormonisch.

Wir sollten ihm zuhören.

Aber bevor wir antworten, sollten wir ihn erst einmal richtig verstehen.

Herzlich
Ihr Dr. Friedrich Gagsteiger

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